Über die Zeichnungen Heinz Friedrichs

Der Maler und Zeichner Heinz Friedrich ist in seiner südwestdeutschen Heimat schon längst kein Unbekannter mehr. Auch im Ausland hat er Freunde gewonnen, nachdem er Studienreisen nach Südafrika, in die Südsee und nach den USA unternommen hatte. In zahlreichen Einzelausstellungen hat er sein malerisches und graphisches Können, nicht zuletzt seine Unabhängigkeit gegenüber Stilrichtungen unter Beweis gestellt, die ihm wesensfremd bleiben. Bei den Zeichnungen, konzentriert er sich ganz auf eine Technik, die zwar verhältnismäßig rasch von der Hand geht, aber nicht nur intensives und genaues Sehen, sondern präzise Beherrschung der graphischen Mittel voraussetzt. Der Künstler hat den Arbeitsprozess erläutert: er disponiert mit zarten, umgreifenden Linien, tauscht die dünne Feder mit einer stärkeren und setzt abschließend mit dem Pinsel malerische Akzente. Ein besonders charakteristisches Blatt, aus dem dieser Ablauf ablesbar wird, scheint mir die Zeichnung mit dem Blick über die Rheinebene (entstanden 1974) zu sein. Die ruhig geführten Linien im unteren Viertel des Blattes, Felder, Wiesen, Bäume und einen Hügel bezeichnend, werden im oberen Teil der Zeichnung abgelöst durch turbulente Schraffuren, Liniensprünge und Kürzel, die das Getümmel der Wolken andeuten, dieses wehende Nichts mit sich stets verändernden Scheingebirgen und Scheingestalten. Das "Schauspiel", das die Natur anbietet, wird durch kalligraphische Strukturen erfasst. Die Landschaft bleibt immer noch ein Hauptmotiv im Themenkreis des Künstlers. Sie erscheint im weiten Blick über das Teppichmuster der Felder oder in der Nahsicht auf Bäume, Steine an Wasserläufen. Das Stillleben setzt diese Auseinandersetzung mit der Natur fort. Natur auch hier als die große Lehrmeisterin: von der Studie des Geästes eines Baumes führen die Linien zu Stilllebenhaft arrangierten Pflanzen und Muscheln. Die deutsche Sprache hält die Begriffe Landschaft und Stillleben auseinander. In der französischen Sprache liegen sie viel näher beieinander, indem zwischen nature vivante und nature morte unterschieden wird. Die Zeichnungen Friedrichs verdeutlichen, dass in ihnen der Grundnenner Natur nicht aufgegeben wird. Das schließt aber keineswegs aus, dass bei aller Festlegung auf diesen Grundnenner und auf eine bestimmte Methode des Zeichnens differenzierte Variationen möglich sind. Das Verhältnis von graphischer Struktur und weißem Grund wechselt, am augenfälligsten dort, wo abgedunkelte Flächen einen imaginären Raum schaffen.
Wie im malerischen Werk bleibt auch beim Zeichnen die figurative Darstellung eine Meisterleistung von Heinz Friedrich. Seine Modelle gehören dem engsten Familienkreis an, das heißt: es sind keine "gestellten Modelle", sondern Wesen, die dem Künstler durch täglichen Umgang aufs engste vertraut sind. Der Zeichner notiert, charakterisiert. Zum Porträt seiner Kinder gehören deren Haltung und Bewegung, ihr Spiel miteinander. Der Zeichner sieht und entdeckt mit seinen eigenen Augen. Er verwirft jedes unpersönliche Schema. Von Leo von König, einem der bedeutendsten Porträtmaler unseres Jahrhunderts, stammt das Wort, ein Künstler solle Menschen malen, die nach irgendeiner Richtung hin seine Teilnahme erwecken. Hierbei kommt es eben zu keinem "Kampf mit dem Modell". Ich glaube, dass Heinz Friedrich diesen Rat eines erfahrenen Porträtisten mit Gewinn befolgt. Die Gestalt des Menschen darzustellen, bleibt – wie die Porträtmalerei – eine Aufgabe des bildenden Künstlers, die nicht abgeschlossen, sondern immer wieder aufs Neue zu bewältigen ist. Vielleicht hat die Begegnung mit dem italienischen Bildhauer Giacomo Manzu in Salzburg, auch der Besuch bei Renato Guttuso in Varese im Sommer 1974 dazu beigetragen, dass Heinz Friedrich die Auseinandersetzung mit dem figürlichen Thema nicht preisgibt. Nun geht es ihm keineswegs um die krampfhafte Aufrechterhaltung eines Postulats, sondern um ein freies graphisches Spiel mit Regeln, die er selbst bestimmt, beispielsweise die des Sehens und der zeichnerischen Realisierung gewagter Verkürzungen. Die Zeichnung erweist sich gerade hier als eine selbständige künstlerische Arbeit neben der Malerei. Mit dem Zeichnen verfügt Heinz Friedrich über ein Instrument, das ihm seine optisch erfahrbare Umwelt erschließt, in die er hineingestellt ist und über die er sich unmissverständlich ausspricht. Dies sichert ihm Identität von Neigung und Verwirklichung, von Wollen und Können. Viele Zeichner gehen heute auf geliehenen Stelzen. Friedrich führt seine Zeichenfeder, wie es seinem Sinn, seiner Hand gemäß ist. Diese Echtheit spricht sich in allen ausgewählten Blättern aus.

Prof. Wilhelm Weber