Heinz Friedrich
Meine künstlerische Lebensbilanz - Ein persönlicher Rückblick

Seit meiner Kindheit wollte ich nie etwas anderes als malen. Weil ich kein Abitur hatte, wurde ich auf der Akademie nicht zum Lehrberuf zugelassen und so fing ich als freier Maler an.

Bei alten und neuen Meistern gelernt, habe ich mich an klaren Ordnungskriterien orientiert und immer meinen Augen vertraut. Die Thematik des Figürlichen ergab sich für mich von selbst. Die Gespräche mit Kokoschka, ein damals in den 50er Jahren alter, großer Maler, bestätigten mich in meiner Auffassung durch sein Credo, dass das zentrale Thema allen künstlerischen Schaffens die menschliche Figur sei. Der Faszination des Ästhetischen, des Dekorativen bin ich nie aus dem Weg gegangen, obwohl es hier in Deutschland oft verpönt war, sich dazu zu bekennen.

Es ging mir nie um ein bequemes Anpassen an eine gerade favorisierte Richtung, ich wollte mich nie wegen irgend eines Zugeständnisses korrumpieren lassen. Im Gegenteil, auf meine Art will ich beweisen, dass das Bekenntnis zu Tradition und überliefertem Kulturgut immer wieder möglich ist, auch in guter Nachbarschaft zu Neulandbeschreitungen und innovativen Versuchen, egal wie sich diese entwickeln oder wieder sterben. Politologische, tendenziöse, intelektuell überfrachtete Bildinhalte sind mir fremd, sie würden meine Absichten reine Malerei zu praktizieren zuwiderlaufen und belasten. Ich glaube auch nicht an die politische Kraft der Malerei. Ich habe ebenfalls meine Probleme damit, wenn Kunst erst enträtselt werden muss. Vor allem dort wo mir das Phänomen begegnet, das Entschlüsseln von nur schwer oder gar unverständlichen Elaboraten mit verbaler Hilfe zu bewerkstelligen, um den Kunstinteressierten zu dem von ihren Schöpfern oder Galeristen gewünschten Wertniveau zu verhelfen. Welche Aussagekraft hätten diese Werke noch ohne diese verbalen Krücken?

Auch die Schnelllebigkeit und Praktiken der Ausstellungsszenerie wurden mir zunehmend fremd. Es werden zum überwiegenden Teil kurzlebige, für die Dauer der Ausstellung arrangierte Beiträge, Installationen, Manifeste, Performances, Hits und Überrumpelungen vorgestellt.

Demgegenüber sah ich dann noch diametral eine Produktionsmaschinerie von "Kunst", die weltweit mit inflationären, aber allerdings exzellenten Marktstrategien – besonders auf dem Grafiksektor – die Märkte überschwemmt und somit den Großteil der Marktnachfrage abdeckt.

Ich habe immer daran geglaubt, dass künstlerische Qualität von Kunstinteressierten und Kunstkennern erkannt wird und sich durchsetzt. Bestätigung hierfür finde ich in der Tatsache, dass sich um mich herum eine zugegebenerweise regionale Fangemeinde über Jahrzehnte gebildet und gehalten hatte und mich durch mein Leben als freischaffender Künstler getragen hat. Meine Kraft, Ausdauer und Disziplin die vielen Bilder zu erschaffen und zu verkaufen, will ich an dieser Stelle selbstbewusst nicht unerwähnt lassen; in diesem Sinne bin ich sehr dankbar.

Wie wäre es mir aber wohl ergangen, wenn ich mein Künstlerleben in einer anderen Zeit verbracht hätte? Nun, die nationalsozialistische Herrschaft des Dritten Reiches markiert die tiefste Zäsur in der Kunstgeschichte seit dem 30-jährigen Krieg. Für Künstler wie mich, die sich dem expressiven Realismus verschrieben hatten, war es im Nachkriegsdeutschland nicht einfach.

Diejenigen Kunsthändler, deren Betrieb überlebte, engagierten sich allenfalls noch für die bereits berühmten Namen des Expressionismus; junge Künstler der gegenständlichen Malerei wurden von der zeitgenössischen Kunst nahezu ausgeblendet.

Für Anfänger wie mich, waren es die wiedereröffneten Akademien, die die Anlaufstellen bildeten, weil man dort aufgrund fehlender Netzwerke Starthilfen erhoffte. Die dahin berufenen Lehrer und Professoren waren oft während der 12 jährigen Zwangspause als "entartet" eingestuft und suchten die Anknüpfung an die 20er/30er Jahre. Ich fand bei Schnarrenberger trotz aller Strenge und Drill zu malerischer Qualität in der Treue zum Gegenstand mein Credo; eine Entscheidung, in der ich mich 15 Jahre später in der Begegnung mit Oskar Kokoschka (man nannte ihn auch "Abstraktenfresser") bestätigt fühlte.

Als Wiederbelebung des Kunstbetriebes in Deutschland sind es Einflüsse aus dem Ausland, allen voran Frankreich und den USA, die die neuen Richtungen insbesondere zum abstrakten Expressionismus und des Informel bestimmten und vorgaben. Man wollte den Anschluss an die internationale Kunstszene finden.

Expressiver Realismus galt als nicht innovativ, antiquiert und wurde sogar als fortschrittsfeindlich angesehen. Künstler, die diese Richtung des Gegenständlichen einschlugen oder ihr treu blieben, konnten keinem aktuellen Stilbereich zugeordnet werden und blieben so von der Kunstgeschichte weitgehend unberücksichtigt.

In den 70er Jahren dann fand durch die fotorealistische Gegenstandswelle des Pop Art zwar ein Umdenken statt. Die von mir jedoch weiterhin an überlieferten Qualitätskriterien praktizierte Malkultur hatte mit dieser gegenständlichen Motivwelt der Popkunst jedoch wieder nicht viel gemein.

Viele dieser meiner Karriere nicht förderlichen Entwicklungen sind in dem hervorragenden Buch von Dr. Rainer Zimmermann "Die verschollene Generation" wiederzufinden. Mein Briefwechsel mit dem Kunsthistoriker und Sammler Zimmermann (verstorben 2009) waren für meine Anschauung Bestätigung.

Auch die Portraitmalerei – eines meiner zentralen Themen – hat in unserer Gesellschaft bei weitem nicht den Stellenwert wie z.B. vor den beiden Weltkriegen. Dennoch hat mir das Portraitieren insbesondere in den Anfangsjahren oft mein finanzielles Auskommen gesichert sowie in meinen erfolgreichen Schweizer Jahren mit Ulric Großmann einen gewissen Bekanntheitsgrad und Stellenwert gebracht.

Nun, die Grabenkämpfe zwischen gegenständlicher und abstrakter Malerei sind vorbei. Für mich heißt es Bestätigung, dass es im Grunde keine moderne Kunst gibt, sondern nur gute oder schlechte. Wo sie angesiedelt ist, in welcher Stilrichtung, ist völlig gleichgültig, die Bildgesetze sind überall gleich. Sonst könnte man nicht einen Balthus neben einem de Kooning gleichermaßen schätzen. Das war auch früher so bei Giotto oder Signorelli, bei Turner, Delacroix und Courbet und auch bei Picasso und Braque.

Mein Anliegen war schon seit Akademiezeiten eine opulente, sinnliche und kultivierte Malerei ohne literarische Beigaben und Bildinhalte. Sie soll in ihrer Qualität für sich selbst stehen, ohne groß erklärt oder gedeutet werden zu müssen.

Meine Themen haben klassischen Charakter, traditionell und überliefert. Figur, Stillleben und Landschaft. Nun, diese drei Themen können ein Malerleben ausfüllen und so habe ich es als Lebenswahrheit für mich erkannt.

In meiner Karlsruher Zeit habe ich erkannt, dass die zweidimensionale Malerei für mich die Gemäße ist. Sie finden kaum Bilder mit gestaffelter Raumtiefe bei mir, ich versuche mit den Mitteln der Farbe, räumliche Situationen zu suggerieren.

Der dekorative Wert eines Bildes ist ebenso für mich von großer Bedeutung aus der Erkenntnis heraus, dass das Leben mit Bildern maßgeblich von den Räumen, in denen sich ihr Schicksal erfüllen soll, bestimmt wird. Das pfälzische Licht und die Landschaft, die man die italienische Ecke Deutschlands nennt, haben mich zudem in meiner Überzeugung und Praktik der korrespondierenden Farben sicherlich mitgeprägt.

In den 60er und 70er Jahren war ich aufgrund intensiver Begegnung mit dem französischen Kubismus um eine Formverfestigung meiner Malerei bemüht. Die insbesondere auch in diesen Jahren entstandenen Farbholzschnitte erklären ebenfalls diese Formenstrenge meiner Themen. Danach habe ich wieder – vielleicht mit mehr Wissen und Erfahrung – zu einer freieren Form wie ich sie bis heute praktiziere zurückgefunden.

Seit nun über 70 Jahren lebe ich dieses Leben und ich habe gelernt, dass der Marktwert eines Künstlers nicht nur durch die Qualität seiner Bilder zustande kommt. Neben dem Können sind Originalität bis hin zur Schockform und Arroganz Erfolgsfaktoren. Das Ganze befeuert von den Strategien gerissener Kunsthändler, Galeristen, Sammler und Messeveranstalter. Beim Lesen der Verkaufs- und Marktziffern der heutigen Kunststars glaubt man zuweilen, in den Wirtschaftsteil eines Börsen- oder Handelsblatts geraten zu sein. Wie lange der ein oder andere "gemachte" Shootingstar sich jedoch hält, steht in den Sternen.

Und natürlich hat sich auch das Kunstpublikum sowie der Stellenwert der Kunst weltweit verändert; regionale Unterschiede im Kunstverständnis und finanzieller Potenz gab und gibt es dabei bis heute.

Mein Anliegen in Sachen Preise meiner Bilder war immer die Stabilität und Kontinuität vor kurzfristig möglicher Preissteigerungen zu stellen.

Mit 90 Jahren male ich nicht mehr so wie früher, was dazu führt, dass das Angebot an Friedrich-Werken zwar beträchtlich aber nunmal limitiert ist. Glücklicherweise ist seit Jahren bei mir der Verkaufsaspekt aufgrund einer auskömmlichen Rente nicht mehr vordringlich. Und auch mein Sohn Johannes, dem ich die Verantwortung habe zukommen lassen mein künstlerisches Lebenswerk zu betreuen, will diese Aufgabe mit einer langfristigen Strategie angehen.

Ich habe jetzt 70 Jahre meinen hier dargelegten Standpunkt verfolgt. Ich nehme somit in Anspruch glaubwürdig, nachhaltig und authentisch gewesen zu sein. Meine Art zu malen soll zeigen, dass das Bekenntnis zu Tradition und überlieferten Anschauungen ein guter Gradmesser für malerische Qualität ist. Wenn es mir oder anderen gelingt Sorge dafür zu tragen, dabei einen kleinen Flecken am bunten Teppich unserer heutigen und künftigen Kunstlandschaft zu weben, will ich den Sinn meiner Arbeit als erfüllt sehen.