Hans Helmut ]ansen und Rosemarie Jansen
"Das Salzburger Große Welttheater" von Hugo von Hofmannsthal, Farbholzschnitte von Heinz Friedrich

Das Salzburger Große Welttheater ist eine Neuschöpfung von Calderons Fronleichnamsspiel Das große Welttheater. Hofmannsthal legte seinem Werk die Eichendorffsche Übersetzung von Calderons geistlichem Spiel zugrunde, verwahrte sich aber gegen die Einschätzung seines Textes als einer bloßen Bearbeitung. Er habe Calderon nur "die das Ganze tragende Metapher entlehnt: daß die Welt ein Schaugerüst aufbaut, worauf die Menschen in ihren von Gott zugeteilten Rollen das Spiel des Lebens aufführen". Hofmannsthal hat Das Salzburger Große Welttheater von vornherein als Projekt für die 1917/18 gegründeten Salzburger Festspiele geplant. Die Uraufführung unter der Regie von Max Reinhardt fand am 12. August 1922 in der Salzburger Kollegienkirche statt.
Der Inhalt: Gott, der "Meister", läßt sich von der "Welt" ein Schauspiel von Menschen bereiten, in dem der Tod als "Bühnenmeister" fungiert. Engel sorgen für den Gang des Spiels. "Unverkörperte Seelen" werden mit der Rolle des Königs, der Weisheit, der Schönheit. des Reichen, des Bauern und des Bettlers belehnt. Es ist ein Spiel im Spiel, in dem nicht die Rolle entscheidend ist, sondern das, was einer am Ende aus ihr gemacht hat. Gegen Ende ruft der Tod die Personen hintereinander auf. Bedeutsam ist das Sterben des Reichen und des Bettlers ausgeführt. Dieser begrüsst den Tod freudig, nennt den Reichen "Bruder" und will ihn auf dem letzten Weg stutzen. Der Engel hält im Namen des Meisters Gericht. Bettler und Weisheit gehen in den Palast des Meisters ein. König, Schönheit und Bauer bekommen nur die Stufen zugewiesen. Der Reiche wird verdammt. Aber die Weisheit bittet für ihn. So erhält er vom Engel "eine Stelle tiefer unten". Das Spiel im Spiel endet also mit Belohnung und Bestrafung. Zuletzt verkündet der Engel: "Hinauf! Vor Meisters Angesicht! | Bereitet euch auf ungeheures Licht."
Der Schwetzinger Maler, Zeichner und Graphiker Heinz Friedrich (geb. 1924) hat sich seit dreißig Jahren immer wieder mit diesem christlichen Mysterienspiel auseinandergesetzt*. Im Jahre 1993 erschien die Mappe mit den Farbholzschnitten zum Salzburger Großen Welttheater. Der Grundgedanke war, die allegorischen und mythischen Figuren der aufschlußreichsten Szenen, Gegenüberstellungen und Begegnungen festzuhalten. Auf dem Titelblatt ist der Schriftsatz gesäumt von den Figuren der beiden Engel, die im Namen des Meisters den Gang des Spiels bestimmen. Engel, Prophet und ungeborene Seelen zeigen den Beginn an, "daß alles Leben nur ein Spiel sei". Die unverkörperten Seelen ziehen auf, vom Engel gerufen. Sie tragen kuttenartige Gewänder, und ihre Gesichter gleichen Larven, ohne jedes Merkmal des Geschlechtes, des Alters oder der Person. Wie jede gute Graphik lebt der Farbholzschnitt von der Ordnung und Komposition mit einem rhythmischen Zusammenschluß von Farbe und Form. Indem es dunkelt und gleich wieder hell wird, wird der Meister "Gott" sichtbar. Er steht da im Sternenmantel vor seinem Palast mit Regenbogen und Wolken, gebietend über Berge, Ströme und Meere.
In einer weiteren Szene tritt der König auf. Hinzu kommt die Schönheit in der Tracht einer Hofdame, reich mit Halsketten geschmückt. Indem der König die Schönheit für sich fordert, stellt Heinz Friedrich – was an dieser Stelle im Spiel nicht geschieht – den Tod neben die Schönheit und verweist damit auf das Thema "Mädchen und Tod". Der Tod ist schwarz gekleidet und trägt als eine elegante Erscheinung einen roten Kragen und einen schwarzen Zylinder. Diesem Farbholzschnitt "König, Schönheit und Tod" ist eine dekorative Geste eigen. Kokett blickt die Schönheit den König an; ihr langer Rock ist prachtvoll verziert. Später schuf Friedrich eine endgültige Variante, bei der er die Personen anders interpretiert hat. Aus dem würdigen König mit Wadenstrümpfen und Schnallenschuhen ist eine lächerliche Figur, fast ein Popanz geworden. Die Schönheit ist nun ein Girl mit Strapsen. Der ehedem so elegante Tod ist ein Stutzer mit weißem Hut, der sich schon an die Schönheit schmiegt. Mit dieser Version hat sich Friedrich von der Vorlage Hofmannsthals gelöst und die Personen in Kostümierung und Geste auf die heutige Zeit übertragen.
"Reicher und Widersacher" ist der Titel des vierten Farbholzschnittes dieser Mappe. Der Reiche biedert sich beim König an und wird sein Kanzler. Er läßt sich von dem glattzüngigen Widersacher den Text eingeben: "Und muß es sein, so wird dein Schwert für mich aus seiner Scheide blitzen." Der Reiche ist ein dicker Mann. Er stützt sich auf seinen Stock und steht vor der Kulisse seines Besitzes: Häuser, Liegenschaften und Wald. Widersacher hat den Arm voller Bücher. Er ist dünn, hat eine Baskenmütze auf dem Kopf, ein Intellektuellengehabe und ist dabei giftig und bös im Gesicht. ln der Folge rebelliert der Bettler unchristlich und hebt die Axt in tiefster Bitternis gegen alle. Die Gruppe oben im Hintergrund des Bildes ist das Auditorium, gegen das der Bettler wütet. Im Spiel ruft er: "Ihr Dieb' und Schänder alle miteinander, Euch geht's an Balg!" Die Weisheit, nonnenhaft und transparent, läßt ihn jedoch nach einem inbrünstigen Gebet das Himmelslicht sehen. Dieser Umschwung des Bettlers ist der dramatische Angelpunkt der Handlung.
Nachdem die Weisheit auf ihren Platz zurückgegangen ist, verharren alle fünf Figuren ruhig auf ihren Plätzen. Ein Signal ertönt, die Symphonie hebt an. Die Welt ergreift die Laute, spielt und singt: "Flieg hin, Zeit, du bist meine Magd, | Schmück mich, wenn es nächtet, schmück mich, wenn es tagt." Die Welt ist umgeben von vier Elementen. Im Hintergrund brennt die Weltkugel. In der Luft fliegen die Vögel, die Erde ist bepflanzt, und unten fließt das Wasser. In der nächsten Szene sind Schönheit, König, Reicher und Bauer durch die Mörderirn Zeit gealtert. Die verheerende Macht der Vergänglichkeit wird an allen Figuren deutlich. Die Gestalten künden von der Nähe des Todes.
Gegen Schluß befiehlt der Tod in kurzen barschen Sätzen den Spielern abzutreten. Der Bauer gebraucht hartnäckig alle Ausflüchte, um, vor einem Scheunentor stehend, dem Tod nicht folgen zu müssen. Er geht letztlich doch; der Vorwitz mit verschlagenem Gesicht nimmt ihm den Spaten aus der Hand. Das Ende des Spiels erhält seine Bedeutung durch das Sterben des Reichen und des Bettlers. Der eine wird verdammt, der andere geht mit der Weisheit in den Palast des Meisters ein.
Heinz Friedrich hat mit seinen sieben Bildern die Technik des freien überlappend gedruckten Farbholzschnittes üppig und reich genutzt. Die Vorstellungskraft des Holzschneiders wurde durch die Pracht des Schauspiels und des Proscenium gefördert. Dasselbe gilt für die Darsteller in den von der Welt verteilten Kostümen, Gewändern, Flicken und Lumpen.
Beim Vergleich der beiden geistlichen Schauspiele von Calderon und Hofmannsthal fällt auf, daß bei Calderon im Personenverzeichnis an letzter Stelle eine "Stimme" aufgeführt ist. Es ist die "Todesstimme", der Calderon keine eigene Gestalt zugebilligt hat. Der Tod hat kein eigenes Sein. Der Meister ist es, der durch die Todesstimme die Spieler von der Bühne ins Grab ruft. Dagegen ist bei Hofmannsthal der Tod nicht nur Sprachrohr des Herrn, sondern eine Gestalt, die vom Meister des Spiels zum "Bühnenmeister" ernannt wird. Wie im "Jedermann", dem "Spiel vom Sterben des reichen Mannes", ist der Tod wiederum Gottes "starker Bot", der nur vor dem Meister die Knie beugt. Vor Erscheinen des Todes klagen die Gestalten alle zusammen unter dem Paukenschlag: "Ein fahler Schein, ein hahler Wind, | Weh, daß wir Kreaturen sind." Alle Spieler verspüren den nahenden Tod. In einem Brief an die amerikanische Zeitschrift "The Dial" hat Hofmannsthal angedeutet, daß an dieser Stelle " [ ... ] durch eine Art gespenstischen Totentanz aller Figuren das Vergehen des Lebens illustriert [ ... ]" werden soll. Erst nach diesen Vorzeichen tritt der Tod auf und beruft die Spieler ab.
Heinz Friedrich hätte Das Salzburger Große Welttheater als Totentanz in einer Folge von Farbholzschnitten gestalten können. Aber er wollte mehr als die Schlußphase des Mysterienspiels bildlich umsetzen, auch nicht in die Nähe der Farbholzschnitte von HAP Grieshaber zum Totentanz von Basel (1966) geraten, gar ihn – wenn auch mit eigener Handschrift – wiederholen. Dieses nach jahrelangem Formulieren, Schneiden und Druckgängen fertiggestellte Opus von Heinz Friedrich ist sicher sein bisher bedeutendstes und reifstes Holzschnittwerk.

HOFMANNSTHAL, HUGO VON: Das Salzburger Große Welttheater, Leipzig: Insel-Verlag 1922. Die Mappe von Heinz Friedrich: Sieben Farbholzschnitte 1993 zu Hugo von Hofmannsthal Das Große Salzburger Welttheater hat eine Auflage von 70 Exemplaren auf Rives-Bütten, alle Blätter signiert und numeriert, komplett in Leinenmappe 77 x 58 cm, mit Textblatt und Deckeldruck.